Kann Vegan die Welt retten?

Oder wie wir sie besser machen können

Eine ziemlich reißerische Frage. Eine richtige Aufhängerüberschrift. Nun ja, dabei ist sie gar nicht so weit hergeholt, diese Frage. Viele Menschen verschwenden nicht nur einen kleinen Gedanken daran, sondern ändern ihre Essgewohnheiten und ihr ganzes Leben, um dieser Frage gerecht zu werden. Und ich gebe zu, diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Kann ich durch den Verzicht auf Fleisch und alle anderen tierischen Produkte (auch Honig oder zB Lederwaren) die Welt, also unsere lebensgrundlage, schützen? Ja sogar retten? Oder ist das nur ein Hype, ein stylischer Mainstream von hippen Stadtmenschen zwischen 20 und 30. Ich persönlich lebe nicht vegetarisch oder gar vegan. Dazu stehe ich. Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht und allgemeine, persönliche und wissenschaftliche Argumente in Augenschein genommen, um meine Entscheidung zu treffen. Ich hätte auch ganz einfach die Wahl gehabt. Als Landwirt in mit Gemüseanbau und Tierhaltung wurden mir beide Wege ganz offen gehalten. Und genau da liegt der Knackpunkt, wieso ich nicht vegan leben kann. Ich sehe die Komplexität und Kreisläufe, in deren Pflanzen und Tiere miteinander verwoben sind. Wieso, meiner Meinung nach, das eine ohne das andere nicht existieren kann. Aber wie sagt man so schön: die Dosis macht das Gift. Natürlich möchte ich nicht die vegan lebenden Menschen verteufeln. Jeder darf und sollte nach seinen eigenen Vorstellungen und Überzeugungen leben dürfen. Allerdings finde ich, sollte eine Entscheidung immer auf ein möglichst breit gefächertes Wissen beruhen, und vor allem nicht nur einseitig beleuchtet werden. Deshalb möchte ich diesen Artikel zusammenstellen, welcher auf solche Fragen, und vor allem auf Eure Fragen, eingeht und sie möglichst rundherum beleuchtet.

Im ersten Artikel möchte ich mich mit folgenden 2 Fragen beschaftigen:

  1. Was bedeutet eine vegetarische bzw vegane Lebensweise?
  2. Welche Vorteile bietet die trierproduktfreie Lebensweise für einen persönlich/ gesundheitlich?

Der zweite Artikel wirft einen Blick auf eine mögliche vegane Zukunft:

  1. Wie kann ein veganer Lebenswandel zukünftig aktuelle Probleme in Bezug auf unsere Umwelt verbessern?
  2. In wie weit kann die vegane Lebensweise abträglich für eine positive Entwicklung in Bezug auf Klimawandel und Klimalziele sein?

Im dritten Artikel stelle ich mir die Frage, was Mischkost für einen selbst und die Umwelt bedeutet:

  1. Ich esse Fleisch. Konfrontation als Klimasünder, Tierquäler und kranker Mensch.
  2. Was kann tierische Landwirtschaft für unsere Umwelt leisten?

Der vierte Artikel zeigt mögliche Kompromisse auf:

  1. Wie kann man mit ganzheitlicher Tierverwertung einen positiven Klimaeffekt erzeugen?
  2. Ressourcenaufteilung – welche Kompromisse sind ergebnisführend?

Der fünfte und letzte Artikel beleuchtet die politischen und soziologischen Seiten:

  1. Tier- und umweltschonende Ernährung deutschlandweit – ist das überhaupt realisierbar?
  2. Welchen Einfluss sozioökonomische Faktoren auf unsere Entscheidungen haben.
  3. Mobbing, Versprechen und Reformen – wenn Landwirtschaft allein gelassen wird.
Das offizielle vegane Siegel

1. Was bedeutet eine vegetarische bzw vegane Lebensweise?

Schlägt man diese Begriffe nach, sind die Definitionen erstmal eindeutig. Vegetarisch ist die pflanzliche Ernährung. Vom lateinischen Wort “vegetare”, welches als lebendig, wachsend oder belebend abgeleitet werden kann, verzichten Vegetarier auf Produkte von getöteten Tieren, essen aber Produkte von lebenden Tieren wie Eier, Milch und Milchprodukte oder Honig. Bei einer veganen Ernährung verzichtet man auf jegliche Produkte von Tieren. Dazu zählen allerdings nicht nur Nahrungsmittel wie Fleisch, Milch, Eier und Honig, sondern auch Produkte wie Leder, Wolle oder Kernseife mit tierischen Fetten. So modern die beiden Ernährungsweisen sich anhören, so alt sind sie jedoch. Zumindest gibt es den Vegetarismus schon seit etwa 2600 Jahren bei den alten Griechen. Der Veganismus als offizielle Abspaltung davon erschien erstmals 1944 in England, als Donald Watson die Vegan Society gründete.

Zusätzlich gibt es noch einige andere Ernährungsformen, die ähnliche Ideologien beinhalten. Pescetarier beispielsweise verzichten auf Fleisch, verzehren aber Fisch und andere Meerestiere. Weitere Formen sin Fruitarier, Flexitarier oder auch Freeganer. Trotz der doch recht großen Unterschiede dieser Ernährungsformen, haben sie meist doch etwas gemeinsam. Sie wollen aufgrund von Missständen, besonders in der Produktion von tierischen Produkten, auf eben diese verzichten. Dabei geht es vor allem um Haltungsformen in der Landwirtschaft, Tierwohl, Ethik und menschlicher Gesundheit.

Betrachtet man diese Aspekte, ist schnell festzustellen, dass Vegetarismus oder Veganismus nicht nur eine reine Ernährungsgewohnheit, sondern eine ganz eigene Lebensweise ist. Oft bezieht sich diese Lebensweise auf fast alle Bereiche des Lebens, wie auch Kosmetik, Kleidung, Konsum oder Freizeit. Zusammenfassend bedeutet eine vegetarische oder vegane Lebensweise aber in jedem Fall immer einen Verzicht, bezogen auf unser durch den wirtschaftlichen Aufschwung geprägtes Leben und manifestierten Idealvorstellungen.

Welche Vorteile bietet die trierproduktfreie Lebensweise für einen persönlich/ gesundheitlich?

Ein veganes Leben hört sich für viele Menschen einseitig, ungesund und nach großem Verzicht an. Praktizierende Veganer hingegen sprechen positiv über eine recht große Vielfalt und Auswahl, sowie einem sogar gesünderen Leben. Was ist also dran an der trierproduktfreien Lebensweise?

Trotz der schon recht langen Geschichte des Veganismus (bzw tierreduzierte oder tierfreie Produkte) ist die Faktenlage leider noch spärlich gesät. Mittlerweile gibt es schon einige Studien (weltweit) über einzelne Bereiche, große Langzeitstudien sind allerdings noch nicht vorhanden oder haben erst gestartet. Zudem gibt es, trotz der steigenden Zahlen an Vegetariern und Veganern, noch zu wenig aussagekräftige Probanden. Es ist schwierig, eine Gruppe mit einer anderen zu vergleichen, wenn die möglichen Messwerte von sehr vielen verschiedenen Einzelbereichen abhängig sind. Also kann man nur an einzelnen Kennwerten (wie zB Blutwerte) eventuell entscheiden, welche Gruppe besser abschneidet. Spezifische Werte sind somit immer stark vom einzelnen Individuum abhängig und können entweder positive, negative oder neutrale Auswirkungen auf den Körper haben.

Im deutschsprachigen Raum sind insbesondere die Studien des Forschungsinstituts für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE) aus Gießen unter der Leitung von Dr. Markus Keller interessant. Vor allem wird dort das Ernährungsverhalten und die Nährstoffzufuhr von Veganern, Vegetariern und Mischköstlern untersucht. Ausschlaggebend ist dabei allerdings immer die Vorraussetzung, dass die jeweilige Ernährungsform ausgewogen ist. Hier möchte ich mich vor allem auf die “VeChi-Diet-Studie – Vegetarian an Vegan Children Study” und “Eine Untersuchung des Ernährungsverhalten von vegan lebenden Erwachsenen aus dem Großraum Gießen, Hessen” beziehen. (Stand 11.1.2023)

Die VeChi-Diet-Studie befasste sich mit dem Ernährungsverhalten und der Nährstoffzufuhr von Kindern im Alter zwischen 1 und 3 Jahren, die sich vegan, vegetarisch oder mit Mischkost ernährten. Um die Ergebnisse noch genauer evaluieren zu können, wurden auch Daten zu soziodemographischen, lebenstielbezogenen und frühkindlichen Verhalten mit einbezogen. Der Winkler-Index beschreibt hier den sozioökonomischen Kontext. Dabei wird Bildung, Beruf und Haushaltsnettoeinkommen als drei Soozialstatuswerte eingeordnet – das Ergebnis spiegelt einen niedrigen, mittleren oder hohen Sozialstatus wieder. Weiter wurde auch die Urbanität und körperliche Aktivität der Kinder mit einbezogen. Die Ernährungsaufzeichnung wurde ebenfalls nach den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter kategorisiert.

Interessanterweise konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Testgruppen in Bezug auf Energie- und Nährstoffzufuhr festgestellte werden. Nach Ausschluss von epidemologischen Störfaktoren konnte jedoch festgestellt werden, dass Kinder mit einer Mischkost Ernährung die höchsten Werte an Gesamteiweiß, Gesamtfett und zugestztem Zucker aufwiesen. Im Gegensatz dazu wiesen vegane Kinder mehr Kohlenhydrate und Ballaststoffe auf. Anthropomologisch konnten kaum Unterschiede in der Entwicklung festgestellt werden. Zwar gab es einige Ausreißer in Bezug auf Unterentwicklung bei veganen Kindern, jedoch ohne signifikante Zusammenhänge mit der Ernährung. Deutlicher war jedoch die Tendenz zu Übergewicht bei mit Mischkost ernährten Kindern. Mit etwa 23% liegt sie über die der veganen oder vegetarischen Kindern (etwa 18%). Da aber alle Gruppen diese Tendenz deutlich aufwiesen, kann von einer durchschnittlichen Entwicklung gesprochen werden. Zu beachten ist hierbei allerdings immer, dass die dazu herbeigezogenen Richtwerte der WHO, von einem durchweg ohne schädliche Einflüsse wie Krankheiten, Rauchen usw ausgehen und das optimale Wachstum wiederspiegeln.

Zusammenfassend kann also von keinen negativen Auswirkungen einer veganen, vegetarischen oder mischköstigen Ernährung gesprochen werden. Vorausgesetzt wird dafür allerdings immer eine ausgewogene und an den Kalorienbedarf angepasste Ernährung. Vegane oder vegetarische Ernährung kann also eine angemessene Ernährung für Kinder im Alter von 1 bis 3 Jahren sein. Des Weiteren bietet diese Studie eine gute Grundlage für weitere Langzeitstudien in Bezug auf vegane und vegetarische Ernährung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter. Hier ist die gesamte VeChi-Diet-Studie zu finden (Stand 11.01.2013).

Eine Publikation der “Eine Untersuchung des Ernährungsverhalten von vegan lebenden Erwachsenen aus dem Großraum Gießen, Hessen” ist im Abstractband zum 56. Wissenschaftlichen Kongress. Proc Germ Nutr Soc 25 (2019) der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (Seite 25) zu finden . (Stand 22.01.2023) Diese Publikation machte jedoch deutlich, dass im Schnitt bei den Probanden nicht die empfohlene Verzehrsmenge an Lebensmittelgruppen erreicht wurde.

Aktuell ist das Forschungsinstitut für pflanzenbasierte Ernährung in der Vorbereitung für die sogenannte “Coplant Studie”. Diese soll gesundheitliche Vorteile, mögliche kurzfristige und langfristige Risiken, soziale, ökologische und ökonomische Auswirkungen verschiedener pflanzenbasierter Ernährungen im Vergleich zu Mischkost untersuchen ein weiteres Ziel soll eine Empfehlung für ein gesundheitsförderndes und nachhaltigeres Leben sein. Weitere Infos dazu findest Du hier.

Auch auf den ethischen Aspekt möchte ich noch einmal eingehen. Schließlich leben die meisten Veganer nicht nur aus gesundheitlichen Gründen pflanzenbasiert, sondern auch aus Gründen des Tierwohls und Tierschutzes. Vegane Menschen möchten durch ihre tierproduktfreie Lebensweise den Tieren kein unnötiges Leid zufügen, sie nicht ausbeuten und insbesondere durch ihr Konsumverhalten Tiere für Nahrung, Kleidung und andere Produkte ausnutzen. Ein erstmal völlig logisches und verständliches Denken und Verlangen. Es ist schwierig dort ein richtig oder falsch festzulegen. Denn man kann nicht einfach sagen, die vegane Lebensweise ist gut und die mischköstige Lebensweise ist durch und durch schlecht.

Bilder in einer typischen Großschlachterei

Diskutieren lässt sich aber über 2 wichtige Punkte: Was gibt uns die rechtliche Grundlage (Tierschutzgesetzt) vor und welche Empfehlungen sprechen Ethikkommissionen aus? Ich möchte in diesem Abschnitt erstmal nur auf den Fleischkonsum eingehen. Den Konsum von Produkten lebender Tiere werde ich in einem gesonderten, folgenden Abschnitt bearbeiten.

In § 1 des Tirschutzgesetzes steht folgendes als Grundsatz: “Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.” Streitpunkt ist hier oft der zweite Satz. Besonders in Bezug auf den Fleischkonsum stellen vegane Menschen das Schlachten als vernünftigen Grund in Frage. Ist Fleischkonsum also ein vernünftiger Grund? Und fügt eine Tötung, die ja nunmal zwangsläufig für den Konsum von Fleisch nötig ist, einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zu? Wichtig ist dabei noch folgendes aus dem Tierschutzgesetzt, § 4 zu wissen: “(1) Ein Wirbeltier darf nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden.(…)”. Zudem muss es zwangsläufig eine fachkundige Person durchführen, im gewerblichen Bereich muss ein Sachkundenachweis vorliegen.

Bei einer vorschriftsgemäßen Schlachtung, davon muss man erstmal im allgemeinen Fall ausgehen, bekommt das Tier von der Tötung (dem Ausbluten lassen), selbst der Betäubung (durch ein Bolzenschussgerät oder der Elektrozange) nichts mit. Ob und wie weit das jeweilige Tier vor der Tötung unter Stress und/oder Angst leidet, liegt in diesem Fall an der durchführenden Person und hat nichts mit der Tötung als solches gemein. Es gilt als zu vermeiden, leider ist es aber gerade in großen Schlachtbetrieben derTierindustrie dennoch der häufige Fall. Trotzdem gibt es auch hier viele kleinere Schlachtbetriebe, die mit gutem Beispiel vorangehen und alternative Wege aufzeigen.

Nicht so klar zu definieren sind die Ansichten der Ethikkommissionen. Zunächst einmal soll eine Ethikkommission darüber entscheiden, ob eine gewisse Entscheidung und deren Durchführung nach ethischen Grundlagen vertretbar sind. In diesem Gremium sind meistens Ärzte, Wissenschaftler und nicht wissenschaftliche Personen vertreten. Je nach Themengebiet (hier Tierethik) setzt sich das Gremium aus, in der Regel 8, unterschiedlichen Personen zusammen. Doch was sagt die Ethikkommission nun zur Schlachtung von Tieren? Ganz offiziell erstmal nichts. Denn das Schlachten von Nutztieren zum menschlichen Verzehr unterliegt, im Gegensatz zb zu Tierversuchen, nicht der Aufsicht der Ethikkommission. Dennoch gibt es Aussagen zu diese Thema. Eine fleischfreie Ernährung ist möglich, aber nicht nötig. Eher empfiehlt die Kommission eine Reduzierung des Fleischkonsums um etwa zwei drittel. Angelehnt an die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, nach der wir etwa dreimal soviel Fleisch verzehren wie empfohlen. Daher kritisiert die Ethikkommission stark die Masentierhaltung, oft zu billiges Fleisch und den zu hohen Fleischkonsum, aber nicht das ordnungsgemäße Schlachten der Tiere. (Quelle) Unumstritten ist jedoch die Tatsache, dass wir als tierhaltende Personen, Veterinäre, Politiker und Verbraucher die Pflicht haben, alles mögliche zu tun, das Leiden der Tiere so gering wie möglich zu halten und anzuerkennen, dass auch Tiere fühlen Individuen sind. Entschließen wir uns also, Tiere zu töten, um diese zu essen, müssen wir uns bewusst über die logischen Konsequenzen sein. Ein Tier muss sterben, damit wir das Produkt Fleisch und andere Bestandteile verwerten können. Es sollte unsere Pflicht sein, darüber bescheid zu wissen. Wie genau ein Tier artgerecht aufwächst, wie es lebt, im Umkehrschluss wie es aber auch betäubt, getötet und verwertet wird. Es sollte ein genauso wichtiger Bestandteil unserer Bildung sein – denn wie können wir uns sonst aus den Konsequenzen eine eigene fundierte Meinung bilden?

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